2026/04/07// Berlin // Interview mit Frau Dr. Martina Kloepfer von Im P vorhaben konsequenter mitgedacht werden müssen, wo aus ihrer Sicht weiterhin blinde Flecken in der Versorgung bestehen und weshalb Transparenz eine wichtige Grundlage für Vertrauen ist. Dabei richtet sie den Blick nicht nur auf biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen, sondern auch auf Kommunikationsmuster, gesellschaftliche Prägungen und strukturelle Schwächen in der medizinischen Praxis. Frage: Was müsste sich in Forschung und Kommunikation ändern, damit Frauen sich medizinisch besser gesehen fühlen - gerade auch im Bereich Herz-Kreislauf? Antwort: Im Rahmen von Forschungsvorhaben sollte stets mitgedacht werden, dass es Männer und Frauen gibt und dass sie physisch, physiologisch und psychisch unterschiedlich sind. Jedes medizinische Forschungsvorhaben sollte auch nach möglichen Unterschieden fragen. Wäre das in der Vergangenheit geschehen, hätte manche Frau mit einem Herzinfarkt gerettet werden können. Würden Frauen sozusagen selbstverständlicher in Studien integriert, würde sich das m. E. auch auf die Kommunikation auswirken. So würden die „weiblichen“ Symptome bei einem Herzinfarkt nicht als „untypisch“ deklariert, also die Frau als Ausnahme. Denn was heißt „untypisch“? Dass die Norm der männliche Körper ist. Inzwischen hat man herausgefunden, dass ein männliches und ein weibliches Herz sich z. B. in Größe, Gefäßstruktur oder Anzahl der Herzmuskelzellen unterscheiden. Welche Auswirkungen sind aber damit verbunden? Frage: Wo erleben Sie aktuell noch blinde Flecken, wenn es um Frauenherzen, Symptome und die Wahrnehmung von Risiken geht? Antwort: Frauen sehen sich z. T. bei vielen In-dikationen vor die Herausforderung gestellt, überhaupt ernst genommen zu werden, selbst bei Fragen, die „nur“ Frauengesundheit betreffen. Bei Herzerkrankungen, wie beispielsweise einem akuten Herzinfarkt, kommen sie später in die Notaufnahme und laufen eher Gefahr falsch diagnostiziert zu werden, weil die Symptome teils weniger dramatisch auftreten als bei einem Mann oder generell unspezifischer sein können. Statt eines massiven Schmerzes der die Hand zur linken Seite des Torso schnellen lässt, können Übelkeit oder allgemeine Erschöpfung über einen gewissen Zeitraum dominierend sein. Immer hat eine Frau, die einen Herzinfarkt erleidet, ein höheres Risiko daran zu versterben als ein Mann. Dazu kommt, dass eine Frau eventuell anders und teils detaillierter als ein Mann kommuniziert, da bestimmte Symptome im Empfinden stärker hervortreten. Hier bräuchte es eine (digitale) Unterstützung für das versorgende Personal, die auf einen möglichen Herzinfarkt hinweist. Oberbauchschmerzen können auf einen gastroenterologischen Befund hinweisen, aber eben auch auf einen Herzinfarkt. Zudem nehmen Frauen ihren Körper anders wahr als Männer, denn die jeweiligen „biologischen Biografien“ unterscheiden sich fundamental. Dazu kommen bestimmte Konditionierungen: Frauen bekommen bereits in jungen Jahren häufig zu hören, dass sie sich „nicht so anstellen“ sollen, wenn es z. B. um Regelschmerzen oder Unwohlsein geht. Über Jahrzehnte führt das dazu, dass Frauen sich selbst nicht mehr ernst nehmen und sich bei einem Herzinfarkt selbst zu spät in Behandlung begeben. Hier sollte in der weiteren Forschung der Fokus nicht allein auf das Organische gelegt werden, sondern auch auf das Kommunikationsverhalten. Auch bedarf es der Aufklärung, 36
uls. Think Tank Herz-Kreislauf e.V. dass bestimmte Erkrankungen wie Diabetes ein deutlich höheres Risiko für Frauen darstellt, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Frage: Was brauchen Patientinnen aus Ihrer Sicht, um Studien und Forschung besser einordnen zu können: mehr Information, mehr Ansprache oder mehr Vertrauen? Antwort: Vertrauen entsteht m. E. aus Transparenz, d.h. es braucht Klarheit, dass nicht allein der „Modellmann“ 35 Jahre, 75 Kilo in der Studie repräsentiert ist, sondern eben auch Frauen in den unterschiedlichen (hormonellen) Phasen ihres Lebens. Aktuell mutet das noch als Utopie an, da das Studiendesign sehr kompliziert wird und damit sehr teuer. Viele Medikamente, v.a. die generischen sind an männlichen Versuchstieren und in Phase 3 an Männern getestet worden. In sog. Beobachtungsstudien werden Wirkung und Nebenwirkungen eines Medikaments im Versorgungsalltag beobachtet, so könnten Dosierungen und Nebenwirkungen für Frauen spezifisch erfasst werden. Im Beipackzettel könnte ein Hinweis stehen, welche Dosierungsempfehlungen oder Nebenwirkungsrisiken für Frauen besonders zu beachten sind. Ich erhoffe mir von einer paritätischen Zusammensetzung in (Entscheidungs-)gremien eine deutliche Verbesserung. Vielen Dank für das Interview und für die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben. Ihre differenzierten Antworten und die klaren Einordnungen sind für uns sehr wertvoll. Besonders wichtig ist Ihr Hinweis darauf, dass Frauen in Forschung, Versorgung und Kommunikation noch stärker mitgedacht werden müssen. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zu mehr Verständnis und Sensibilität im Bereich Herz- Kreislauf-Gesundheit. Pressekontakt: GUT ZUM HERZ | JUNG & JUNG Verlag GbR, Mauerheimstraße 8, 63811 Stockstadt am Main | info@gutzumherz.de 37
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